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Im Kübelwagen durch Bali

 Im VW-Kübelwagen gut geschüttelt zu Terrassen-Reisfeldern, Tempeln und in den Regenwald: Ein Emigrant aus Österreich führt Touristen zu den Geheimnissen der exotischen Insel. Sämtliche Reisfelder und Tempel Balis müssen verlassen liegen. Wie sonst wäre dieser Verkehr rund um die Inselhaupstadt Denpasar zu erklären – um viertel nach sieben am Morgen?

Ganze Familien drängen sich auf Mopeds: Frauen und Männer mit schlaftrunkenen Kindern zwischen sich, meist ohne Helm und immer mit Flipflops. Beständiges Hupen ersetzt das Blinken und oft das Bremsen, Schalen mit Opfergaben zieren Armaturenbretter und Scheibenwischer.

Im Strom der Autos und Motorräder treibt eine Handvoll bunter VW-Kübelwagen: die Flotte des gebürtigen Österreichers Gery Nutz, der Urlaubern die verborgenen Seiten seiner Trauminsel näher bringen will. „Das echte Bali beginnt erst nördlich des Flughafens“, sagt Gery, als er in Mengwi vor dem Tempel Taman Ayun, dem „Garten im Wasser“, aus dem Auto steigt. Im Morgengrauen hat er seine Gäste in den Badeorten Nusa Dua, Kuta und Jimbaran abgeholt. Zum Auftakt führt er sie in die von einem Fluss begrenzte Anlage, die 1634 als Familientempel für den Fürsten von Mengwi errichtet wurde. Kein Mensch ist so früh hier unterwegs; ein Regenguss hat die Schreine des Tempels wie frisch gewaschen zurückgelassen.

Seit 1988 fährt Gery Touristen zu den schönsten Flecken Balis. Vor zehn Jahren, als er auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise in Asien plötzlich viel Freizeit hatte, entwickelte er als Alternative zur klassischen Route die Tour zu den versteckten Highlights der Insel. Hier sieht das Leben oft noch so aus wie seit jeher – scheinbar einfach, doch mit einem Universum aus Göttern und Dämonen zugleich geheimnisvoll und für Fremde schlussendlich unergründlich.

Um diese Orte zu erreichen, waren solide Fahrzeuge vonnöten. Noch in den 90er-Jahren waren die Straßen jenseits der Hauptstrecken in schlechtem Zustand oder gar nicht vorhanden. Heute sind Gerys zehn VW-181-Kübelwagen des Baujahrs 1976 Teil der Attraktion seines Unternehmens – für Besucher genauso wie für die Bewohner Balis, von denen er die meisten persönlich zu kennen scheint. Die Vorläufer der viertürigen Kisten auf Käferbasis wurden für militärische Zwecke gebaut; ihre Robustheit und ein belastbarer Motor prädestinierten sie später für den Gebrauch in maßvoll asphaltierten Regionen. Auf Bali waren sie bis zur Einstellung der Käferproduktion 1981 weit verbreitet. Zwischen 50 und 100 Kübelwagen sind noch auf der Insel unterwegs.

Der Markt von Blahkiuh bietet die Gelegenheit, veritable Exotik zu schnuppern. Hier sind ausschließlich Balinesen unterwegs – oder vielmehr Balinesinnen. Tabak aus Java, schwarzen Reis, Knoblauch, Chilischoten, Jackfrüchte und Ingwerwurzeln sowie lebendige Reisfeld-Aale kaufen und verkaufen sie. Letztere schlitzt man auf, entledigt sie ihres Darms, paniert und brät sie, erläutert eine Händlerin. Eine Abgesandte des örtlichen Geldinstituts macht die Runde, um die Tageseinnahmen der Frauen einzusammeln. Man plaudert, man lacht, man zahlt den Gegenwert eines Euros aufs Konto ein.

Traditionell in der Moderne leben
Von Blahkiuh aus fahren die Kübelwagen in ein Land von unwirklicher Schönheit. Die Reisfelder leuchten in allen Schattierungen von Grün – jedes Stadium des Wachstums scheint einen anderen Ton herauszubilden. An jeder Ecke steht ein Tempel oder Schrein. Auf Bali, der hinduistischen Insel im muslimischen Indonesien, gibt es offensichtlich mehr Tempel als Häuser. In einem Graben am Feldrand planscht ein Mädchen, in einem anderen wäscht sich ein würdiger Greis. Kinder spielen vor Gehöften – und alle Menschen lächeln, als wären sie ehrlich erfreut, verschwitzte Touristen zu sehen.

Vor 25 Jahren erlag Gery Nutz nach Wanderjahren in Afghanistan und Indien dem Zauber Balis. Die Fähigkeit der Balinesen, ihre Traditionen zu bewahren und zugleich die Moderne zu leben, faszinierte ihn. Vor zwei Jahren nahm der 50-Jährige die indonesische Staatsbürgerschaft an. „Für die Prüfung habe ich gebüffelt wie ein Schuljunge“, erzählt er. Doch dann wurde sie eine nette Plauderei auf Indonesisch, das er fließend beherrscht. Trotzdem sei die Einbürgerung ein Riesenschritt für ihn gewesen und ein ganz seltsames Gefühl: den österreichischen Pass aufzugeben, um Bürger des größten muslimischen Landes der Erde zu werden, ohne selbst Moslem zu sein. Bereut hat er nichts: „Ich hätte es schon viel früher machen sollen“, sagt er, statt im Lauf der Jahrzehnte Unsummen auszugeben für Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen. Jetzt kann er selbst Land kaufen, seine beiden Kinder dürfen dereinst sein Haus erben. Eine stückweise Veräußerung der Insel an Ausländer verhindern strenge Richtlinien zum Landerwerb. Sogar Gerys balinesische Frau durfte das gemeinsame Grundstück nicht kaufen – das musste der Schwiegervater erledigen, denn auch mit Ausländern verheiratete Indonesierinnen dürfen kein Land kaufen.

Es geht weiter in Richtung Norden und in die Berge. Bei Pelaga entnimmt Gery dem Kofferraum balinesische Köstlichkeiten, von seiner Frau persönlich zubereitet: Thunfisch mit Kokosraspeln, im Bananenblatt gedünstetes Huhn, gebratene Nudeln, Edelpilze in Sojasoße, Maniokblätter und Sojasprossen sind auf Palmenblättern angerichtet.

Der kulinarischen Ausschweifung folgt eine Wanderung in den Regenwald. Ein Pilgerpfad führt durch dichte Vegetation auf einen 1487 Meter hohen Berg. Auf dem Gipfel befindet sich ein Tempel, am Wegrand ein Schrein, der übersät ist mit Blüten, Früchten und 1000-Rupien-Scheinen. Gery zeigt seinen Gästen den „klugen Baum von Bali“, einen Ficus, der sich mit zu Stämmen ausgebildeten Luftwurzeln am Hang abstützt, riesige Farne und den Ficus Rigida, der sich am Stamm eines anderen Baumes emporgerankt und dem regelrecht die Luft abgedrückt hat. Es ist nur ein Spaziergang, doch die Luftfeuchtigkeit sorgt trotz relativer Kühle zusammen mit einigen Höhenmetern dafür, dass die Wanderer mit Erleichterung wieder in ihre Sitze im Kübelwagen sinken.

In einem Dorf zeigt eine Frau ihr 18 Monate altes Kind, dessen Bauch sie gegen Durchfall mit Kurkuma eingerieben hat. In Körben am Boden zappeln Kampfhähne. Legal ist diese balinesische Leidenschaft nicht, doch wird sie toleriert. Dorfbewohner in Festtagskleidung ziehen mit auf den Köpfen getürmten Opfergaben zum Tempel. Als der Kübelwagen durchs Verkehrsgewühl von Denpasar in den Süden zurückknattert, erscheinen diese Szenen wie Bilder aus einem Traum.

(Quelle: "Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2010) von Stefanie Bisping (Die Presse)

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